Soll Grass den Nobelpreis zurückgeben?
Veröffentlicht: 14.08.2006
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Soll Günter Grass seine Ehrungen zurückgeben? (Foto: Public Address) |
Reaktionen auf SS-Mitgliedschaft
Soll Grass den Nobelpreis zurückgeben?
Nach dem späten Geständnis des Schriftstellers Günter Grass, als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, werden Forderungen laut, er solle den Literatur-Nobelpreis zurückgeben. So sagte der CDU-Politiker und Kulturexperte Wolfgang Börnsen gegenüber der „Bild“-Zeitung: „Günter Grass hat sein Leben lang moralische Ansprüche vor allem an Politiker gestellt. Diese Ansprüche sollte er jetzt auch an sich selbst stellen und alle Ehrungen, die er erhalten hat, honoriger Weise zurückgeben – auch den Nobelpreis.“ Kritisch äußerte sich auch der ehemalige polnische Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa. Er halte es für angebracht zu überlegen, Grass die Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig abzuerkennen, so Walesa. “Wenn bekannt gewesen wäre, dass er in der SS war, hätte er die Auszeichnung nicht bekommen.” Tatsächlich hat sich der Danziger Stadtrat vorgenommen, nach den Sommerferien über eine mögliche Aberkennung zu diskutieren, wie eine Sprecherin mitteilte.
Dagegen verteidigte der Schriftsteller Walter Jens den “Blechtrommel”-Autor. Es sei doch eine sehr bewegende Tat, dass ein alter Mann reinen Tisch machen möchte. Die Kollegen Ralf Hochhuth und Hitler-Biograf Joachim Fest hingegen erkennen Grass seine moralische Glaubwürdigkeit ab. Grass-Biograf Michael Jürgs äußerte gegenüber dem „Tagesspiegel“, er sei „persönlich enttäuscht“ und sehe die späte Offenbarung als „Ende einer moralischen Instanz.“
In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom 12. August hatte Günter Grass erklärt, er habe mit 15 Jahren versuchte, bei der U-Boot-Truppe aufgenommen zu werden, die aber keinen Bedarf mehr an Rekruten gehabt habe. Im Alter von 17 Jahren sei er dann für die zehnte SS-Panzerdivision „Frundsberg“ eingezogen worden. Damals sei die Waffen-SS für ihn „nichts Abschreckendes” gewesen. Er habe die Waffen-SS als “eine Eliteeinheit“ gesehen, „die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war“. Bisher war über Grass nur bekannt gewesen, dass er ab 1944 als Flakhelfer diente.
Die Details seiner Erlebnisse schildert der Schriftsteller in seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“, das im September erscheint. In dem Werk sah der 78-Jährige nach eigener Aussage die Möglichkeit, seine SS-Vergangenheit zu gestehen, die ihn lange bedrückt habe. „Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich.“ Von den heftigen Reaktionen auf sein Geständnis fühlt sich Grass persönlich verletzt: „Sicher ist es auch der Versuch von einigen, mich zur Unperson zu machen.“
Diskutiere mit!
Kann man den Literaturnobelpreis, den Grass 1999 erhielt, nach diesem Geständnis noch als verdiente Auszeichnung ansehen? Schadet der Schriftsteller seinem Ruf durch seine Vergangenheit per se oder eher durch das lange Schweigen, mit dem er seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS vor der Öffentlichkeit verbarg? Oder wird die Enthüllung überbewertet? Diskutiere in unserem Forum über das brisante Thema: Thema "Günter Grass" im Unikosmos-Forum.
(Judith Praßer)
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