Kinoerfahrungen im Blick der Wissenschaft

Die meisten Menschen gehen gerne in Kino. Das Filmegucken dient jedoch nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Wissensvermittlung (Foto: Public Address)
Veröffentlicht: 30.12.2011
Universität Bonn
Kinoerfahrungen im Blick der Wissenschaft
Wer ins Kino geht, erwartet meist Action, Leidenschaft oder schlicht Comedy - doch die Lichtspielhäuser waren auch immer schon Orte der Wissensvermittlung. Solche Aspekte untersucht unter Beteiligung der Universität Bonn das Forschungsnetzwerk "Erfahrungsraum Kino", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Die überwiegend jungen Wissenschaftler beleuchten außerdem das Kino als sozialen Raum und die Rolle der neuen Medien.Wissenschaft auch im Kinofilm
"Heute stehen Wissenssendungen hoch im Kurs, doch die Bemühung, Wissenschaft auch im Kinofilm darzustellen, gibt es seit die Bilder laufen lernten", sagt die Film- und Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Ursula von Keitz von der Universität Bonn, eine der Initiatoren des DFG-Forschungsnetzwerks. Die frühen Kinofilme hatten nicht nur künstlerische oder unterhaltsame Qualitäten, sie sollten auch praktische Lebenshilfe vermitteln. So klärte der Ufa-Kulturfilm "Falsche Scham" von 1926 populärwissenschaftlich über Geschlechtskrankheiten auf. "Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Dokumentation und Spielszenen in Form von Episoden aus dem Tagebuch eine Arztes", berichtet Prof. von Keitz.Lehrfilme
Verbreitet waren auch Lehrfilme für den Hochschulbetrieb: "Die Bewegung des Gaumensegels beim Schlucken und Sprechen" heißt etwa ein Streifen, der 1955/56 von der HNO-Klinik Tübingen produziert und über das Göttinger Institut für den wissenschaftlichen Film vertrieben wurde. Im Archiv des Arbeitsbereichs "Phonetik und sprachliche Kommunikation" der Universität Bonn liegt eine Kopie vor. "Die Lehrfilme wurden eingesetzt, weil sich beispielsweise damit das Wissen über medizinische Inhalte leichter unter Studierenden verbreiten ließ", sagt die Bonner Filmwissenschaftlerin.Chirurgen mit Kamera
Chirurgen operierten bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einer Kamera über dem OP-Tisch, die sie dank eines Fußpedals bedienen und damit besonders interessante Szenen des Eingriffs aufnehmen konnten. "Das Bedürfnis, wissenschaftliche Themen und Inhalte zu dokumentieren, führte auch zu zahlreichen filmtechnischen Innovationen", sagt Prof. von Keitz. "So wurde der Zeitraffer zur Dokumentation etwa des Wachstums von Pflanzen verwendet, während wir ihn heute hauptsächlich von komischen Bewegungseffekten in Spielfilmen kennen."Kino als Ritual
Neben der Bedeutung des Mediums für die Wissenschaftskommunikation wird auch das Kino als sozialer Ort untersucht. "Wer ins Kino geht, huldigt einem Ritual: Menschen verabreden sich, nehmen sich vor der Leinwald als Gemeinschaft wahr und teilen ein Erlebnis", berichtet Prof. von Keitz. "Hinterher setzen sich viele Zuschauer noch zusammen und sprechen über den Film – das verstärkt die Eindrücke." Bücher werden dagegen in der Regel alleine gelesen. "Auch Handy-Videos vermitteln eher ein individuelles Erlebnis, dazu auf einem sehr kleinen Bildschirm", sagt die Filmwissenschaftlerin. Das sei mit einem Kinoerlebnis nicht vergleichbar.Bilder für sinnliche Eindrücke
Das Forschernetzwerk will außerdem ergründen, welche Rolle die Sinnesreizung in Kinofilmen spielt. "Das Kino versucht, Bilder für Emotionen – etwa Freude, Angst oder Ekel – zu finden", erläutert Prof. von Keitz. Ein Paradebeispiel dafür ist der Streifen "Notorious" (deutscher Titel: "Berüchtigt" und "Weißes Gift") von Alfred Hitchcock. Ingrid Bergman in der Hauptrolle soll allmählich vergiftet werden. Ihre zunehmende Schwächung wird durch eine intelligente Kameraführung visuell umgesetzt: Als ein schwankendes, verzerrtes Bild, wie es aus der Perspektive der halb ohnmächtigen Frauenfigur gesehen würde.Diesen Artikel...
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