Schokoladentorte gegen Salat
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Veröffentlicht: 23.12.2004
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Verführerisch und kalorienreich: Schokoladentorte |
Warum es so schwer ist, Ess-Sünden aufzugeben
Schokoladentorte gegen Salat
Eigentlich sollte abends ein knackiger Salat auf dem Tisch stehen. Stattdessen findest du dich im nächsten Schnellimbiss wieder, Pommes und Currywurst futternd. Warum fällt es uns so schwer, auf Ess-Sünden zu verzichten? Und wie steht es mit dem schlechten Gewissen? Die Ernährung spielt eine zentrale Rolle für unser Wohlbefinden. Die Bedeutung von dem, was wir essen, ist seit einigen Jahren stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. "Functional Food" verspricht dem Verbraucher zusätzlich gesundheitlichen Nutzen. Die meisten Menschen sind heute der Meinung, dass falsches Essen die Ursache für viele Krankheiten ist. Das Wort "Kalorien" ist per se mit einem negativen Image versehen. In einer US-Umfrage gaben 40 Prozent der Amerikaner an, dass eine völlig fett- und salzfreie Ernährung zu bester Gesundheit führen würde. Tatsächlich würde so ein Ernährungsverhalten aber zu schwerwiegenden Mangelerscheinungen führen und hätte tödliche Konsequenzen. Wie also entsteht unser Essverhalten und wodurch wird es beeinflusst?
Was der Bauer nicht kennt…
Die Forschung weiß noch nicht alles darüber, warum wir essen was wir essen. Eine ihrer ersten Erkenntnisse war allerdings, dass uns der Körper durch den Geschmackssinn mitteilt, was er braucht. Im heutigen Alltag verwirren uns die geschmacklichen Gelüste jedoch eher. Angesichts der Vielzahl der Produkte in den Supermärkten landet bei Appetit auf "süß" oder "salzig", "sauer" oder "bitter" noch längst nicht das richtige auf unserem Teller. Zum Glück kommt es in unserer Konsumgesellschaft selten zu Mineralien-, Vitamin- oder Proteinmangel, so dass dieses Prinzip für den Jäger- und Sammler wichtiger war.
Möglicherweise ist der Körper sogar in der Lage, seinen Bedarf ohne die Anleitung der Geschmackssinne zu decken. Tests mit Ratten haben ergeben, dass die Tiere ihre Ernährungsdefizite sogar dann noch ausgleichen konnten, nachdem ihnen die Geschmacks- und Geruchsnerven chirurgisch durchtrennt worden waren. Die Tiere wählten aus einem großen Futterangebot weiterhin die Nahrung aus, die ihren Mangel beglich.
Wenn unser Speiseplan nicht ausschließlich von Geschmack und Geruch diktiert wird, bestimmt ihn wohl die Gewohnheit, welche von kulturellen und sozialen Erfahrungen geprägt ist. Hier greift auch die Manipulation durch Werbung. Es gilt: Was der Bauer nicht kennt, dass isst er nicht.
Süße Gene
Die Erfahrungen der Kindheit spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Eine Erklärung für unsere gierigen Blicke beim Anblick der Schokoladentorte ist eine biologisch vorgegebene Vorliebe für Süßes. Der israelische Wissenschaftler Jacob Steiner hat in den 70er Jahren die Reaktion Neugeborener auf süß und bitter schmeckendes Wasser getestet, noch bevor sie Muttermilch getrunken hatten. Die Kinder reagierten mit einem zufriedenen Gesicht beim süßen und einer angewiderten Miene beim bitteren Getränk.
Die Menschheit hätte sich ohne eine angeborene Aversion gegen Bitteres auf der Suche nach Essbarem wohl längst vergiftet. Viele Pflanzen schützen sich mit Hilfe bitter schmeckender, toxischer Substanzen auch vor Parasiten. Möglicherweise wird uns die süße Muttermilch und damit auch die zum Wachstum nötige Kalorienaufnahme erst durch Zucker schmackhaft gemacht. Über die Muttermilch und auch schon über das Fruchtwasser haben wir im Mutterleib erste Geschmackserlebnisse, weil sie hier die Geschmacksrichtungen wiederfinden, die im Essen der Mutter enthalten waren. Diese ersten Erfahrungen sind die Grundlage für kulturelle Unterschiede. Grundsätzlich sind Kinder neuen - und vor allem nicht süßen - Dingen gegenüber skeptisch. Besonders Gemüse gehört mit seinen Bitterstoffen nicht gerade zu ihrer Leibspeise. Je häufiger sie aber mit diesem Neuem in Berührung kommen, desto schneller gewöhnen sie sich an den zunächst unbekannten Geschmack.
Das richtige Maß entscheidet
Eigentlich sollte mit dieser Erkenntnis die Suppe um die Ess-Sünden schon gelöffelt sein. Dass dies nicht der Fall ist, belegt die steigende Zahl übergewichtiger Menschen. Auch wenn Dicksein viele Ursachen haben kann, gilt im Hinblick auf Kalorienbomben: Das richtige Maß entscheidet. Wer gelegentlich ein Stück Sahnetorte isst oder zum Riegel Schokolade greift, wird keine schwer wiegenden Probleme bekommen. Verleibst du dir das Naschwerk aber regelmäßig und bei richtigem Hunger ein, droht sogar eine gewisse Abhängigkeit. Das Verlangen nach Süßigkeiten steigert sich dann künftig. Heißhunger nach den Leckereien ist die Folge. "Craving" nennen die Ernährungspsychologen dieses ungezügelte Verlangen.
Also sollte ordentlicher Hunger auch mit ordentlichen, ausgewogenen Mahlzeiten gestillt werden und Naschwerk die Ausnahme bleiben. Ein schlechtes Gewissen nach dem Genuss von Süßigkeiten ist aber auch übertrieben. Gesellschaftliche Ideale sowie Industrie und Werbung tragen kräftig dazu bei, uns ein unnatürliches Essverhalten anzugewöhnen. Dass sich der Körper doch manchmal gegen den Kopf durchsetzt, merken wir spätestens, wenn wir uns wieder mit dem übrig gebliebenen Papier einer Tafel Schokolade ertappen.
(Jörg Römer)
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