Permanentes Understatement
Veröffentlicht: 31.08.2000
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Wyclef Jean im Interview (Foto: Public Address) |
Wyclef Jean im Interview
Permanentes Understatement
“Ich war noch sehr klein, als der Song auf den Markt kam. Erst viel später, mit etwa 18, habe ich ihn für mich entdeckt. Mein Bruder ging zu der Zeit auf’s College und schleppte die Platte an. Damals spielte ich Gitarre. Um meine Freunde in der Schule zu beeindrucken, habe ich das Stück dann eingeübt.”
Wenn du Coverversionen aufnimmst, möchtest du dann etwas Neues erschaffen oder hast du eher die Absicht, einen Kommentar zum Original abzugeben?
“Ich kommentiere den alten Song, indem ich etwas Neues hinzufüge. Auf diese Weise merkt der Komponist des Originals, dass da etwas mit seinem Track passiert ist. Die Gitarrenparts bei ‘Wish You Were Here’ sind jetzt komplett anders. Übrigens wurden sie alle wirklich eingespielt - das Stück kommt ohne Samples aus. Trotzdem ist alles neu: der Rap, der Beat, der Bass. Ich sage es sogar im Text: ‘Critics, don’t mistake this for just any cover tune (Ihr Kritiker, mißversteht das hier nicht als stinknormale Coverversion) - I’m gonna take ya all to the dark side of the moon’!”
Was ist dein persönlicher Favorit unter den 23 Stücken auf “Ecleftic”?
“Das ist die Nummer ‘911’ mit Mary J. Blige. Dieser Titel wird auch die nächste Single. Mary und ich haben das zusammen in der Hit Factory aufgenommen. Es ist ein sehr einfach gehaltener Track. Uns war daran gelegen, ihn mit ganz viel Soul in der Stimme hinzukriegen. Kein Kommerz oder so. Und es hat geklappt.”
Wie war Mary?
“Sie ist unglaublich. Wunderschön. Ich arbeite gerne mit Frauen zusammen - sie sind immer nett zu mir.”
Neben den Fugees und deinen Solo-CDs kennt man dich auch von zahlreichen äußerst erfolgreichen Kollaborationen, z.B. mit Santana... Wie findest du die Zeit?
“Tja, ein Genie bin ich nicht! Ich bin einfach ein Rumtreiber, der sich überall anbiedert (lacht). Was Santana betrifft, so hatten wir während der Arbeit keine Ahnung davon, wie groß das Ding werden würde.”
Wie gehst du mit Erfolgsdruck um?
“Meine Einstellung habe ich von Muhammed Ali übernommen: Ich bin der Hübscheste, der Netteste, der Beste und werde wie auf Wolken durch den Ring schweben. Allerdings - nun ja, Muhammed Ali hat auch gelegentlich böse ´was auf die Nase gekriegt! Das wird mir auch passieren. Aber ich werde mich dem Kampf immer wieder stellen.”
Würdest du der Ansicht zustimmen, dass dein zweites Soloalbum - verglichen mit dem introvertierten Debüt “Presenting The Carnival” - eher spaßorientiert ist?
“Diese Entscheidung überlasse ich der Öffentlichkeit. ‘Carnival’ war ein künstlerisch sehr anspruchsvolles Album. Ich wollte, dass man erkennt, dass ich noch zugänglich bin, nicht abgehoben. Ich habe mich quasi vorgestellt: Daher komme ich und das mache ich. Dieser Akt war sehr wichtig. Wenn ich `Carnival´ nicht gemacht hätte, würde ich jetzt ganz schön in der Klemme stecken.”
Bei allem Erfolg hast du dir den Respekt der Straßen erhalten. Du bist glaubwürdig geblieben. Was ist das Geheimnis?
“Ich bin der Typ, den du in jeder Gegend abladen kannst: Ich würde einfach zu McDonalds gehen und in Ruhe meinen Burger essen, ohne auf Star zu machen. Mir ist von der Hardcore-Gemeinde nie vorgeworfen worden, mich dem Popmarkt anzubiedern. Als ‘Killing Me Softly’ ein Pop-Hit wurde, war der Song für die HopHopper schon längst ein alter Hut. Die Community weiß, dass ich mich nie von ihr abgewandt habe, egal wie viele Preise ich bekomme. Wenn ich mich dem Kommerz verschreibe, würden die Leute es merken. Man kann der Hardcore-Gemeinde nichts vormachen.”
Wie sieht denn deine Nachbarschaft aus?
“Ich bin in Brooklyn aufgewachsen und wohne heute in New Jersey. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, fallen mir sowohl schöne wie schlimme Dinge ein. Diesen Mix verarbeite ich in meiner Musik.”
Inspirieren extreme Gefühlssituationen dich künstlerisch?
“Erfahrungen dieser Art sind nicht nur beim Komponieren unverzichtbar. Sie sind notwendig, um das Leben zu schaffen. Für jede Berufsgruppe gilt: Es gibt eine Menge Kollegen da draußen. Nur wenige sind erfolgreich. Das Publikum fühlt sich dir verbunden, wenn es nachempfinden kann, was du durchgemacht hast.”
Kommst du für Konzerte nach Deutschland?
“Auf jeden Fall. Ich liebe es, live aufzutreten. Die besten Momente sind die, in denen das Publikum anfängt, deine Songs mitzusingen. Das ist ein unglaubliches Gefühl - wow!”
(Heike Kevenhörster)
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