Tote Seen und tote Seelen
Veröffentlicht: 06.12.2004
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„Gier“ von Elfriede Jelinek (Bild: Rowohlt) |
Buch-Tipp: „Gier“ von Elfriede Jelinek
Tote Seen und tote Seelen
Verdutzt und fassungslos waren sie. Mit allem hatten sie gerechnet, mit Margaret Atwood etwa oder Doris Lessing. Auch Joyce Carol Oates war im Gespräch. Sogar Bob Dylan wurden Chancen eingeräumt auf den Literatur-Nobelpreis 2004 - höhere Chancen jedenfalls als Elfriede Jelinek, dieser Österreicherin, dieser Feministin, dieser Skandalnudel. Doch wie Literaten und Kritiker nun einmal sind – die Sprachlosigkeit währte nicht lange. Marcel Reich-Ranicki, Fernsehdeutschlands „Literaturpapst“, zeigte sich flugs „außerordentlich erfreut“, seine „Sympathie für ihren Mut, ihre Radikalität, ihre Entschlossenheit und ihre Wut“ sei enorm. Die Pointe des Medienprofis: "Meine Bewunderung für ihr Werk hält sich in Grenzen.“ Österreichs rechter Kulturkritiker Walter Marinovic, der in eigenen Veröffentlichungen gern die „Diktatur des Hässlichen“ geißelt, hält die Wahl der Preisträgerin schlicht für „literarisch nicht gerechtfertigt“. Jelineks Stil sei schlecht, zum Teil unverständlich und zeige immer wieder „eine Neigung zur Pornografie“.
Da ist man doch besonders entzückt und auch etwas schadenfroh über die Entscheidung der Schwedischen Akademie – auch wenn man selbst noch gar kein Werk der Autorin rezipiert hat. Vielleicht erinnert man sich aber an die Verfilmung ihres Romans „Die Klavierspielerin“ vor drei Jahren im Kino oder an eines ihrer Theaterstücke, beispielsweise das 2003 von Christoph Schlingensief inszenierte „Bambiland” am Wiener Burgtheater. Von ihrem Aufsehen erregenden und bestverkauften Werk „Lust“ hat man auch schon gehört. Wir aber greifen zu Jelineks letztem Roman, der „Gier“ heißt und im Jahr 2000 erschien, als Taschenbuch zwei Jahre später.
„Ein Unterhaltungsroman“ heißt es im Untertitel. Schnell entpuppt sich „Gier“ als Parodie verschiedener Genres der Trivialliteratur wie Heimat-, Liebes- und Kriminalroman - ebenso wie „Lust“ ein Pseudo-Porno, ein Anti-Porno war. Vordergründig geht es um den österreichischen Gendarm Kurt Janisch, Familienvater und Inbegriff des strebsamen Kleinbürgers, der sich sein Leben lang auf der Jagd nach Besitz, hauptsächlich nach Wohneigentum, befindet. Dass er dabei allein stehende Frauen mittleren Alters becirct und brutal beschläft, ist für ihn vor allem Mittel zum Zweck. Sexuelle Gier ist dem Geifern nach materiellem Besitz untergeordnet. Davor verschließt Gerti, deren Haus sich Janisch einverleiben will, lange die Augen. Sie sieht in dem gut aussehenden Dorfpolizisten ihren romantischen Helden – auch dann noch, als sie bemerkt, dass er eine Affäre mit der jugendlichen Gabi hat. Doch zunehmend kommt die 16-Jährige Janischs Habgier in die Quere. Um die Aussicht auf die begehrte Immobilie nicht weiter zu schmälern, bringt er Gabi um und versenkt sie im Baggersee. Jetzt wäre der Weg frei für Gerti….
In „Gier“ karikiert Jelinek das Geschlechterverhältnis um die Jahrtausendwende, das von Kleinanlegertum und Kreditökonomie geprägt ist. Den Mann präsentiert sie als grausamen Eindringling, die Frau als triebhafte Abhängige. Keine ihrer Figuren ist sympathisch. Jede humane Regung, alles Mitleid erstickt der Roman im Keim. „Gier“ ist nicht einfach zu lesen und noch schwerer aus der Hand zu legen.
Weit reichend sind die Aussagen, die Jelineks Romanwelt implizit zum Status Quo in Österreich macht, und treffsicher die politischen Implikationen. Steht doch der Gendarm als missbrauchender, mordender „Ordnungshüter“ gleichzeitig für Gesetz und Staat sowie für zynische Perversion. Dies fasst die ablehnende Haltung der Literatin zu ihrem Geburtsland und seiner Regierung aus ÖVP und FPÖ zusammen und ist ein weitaus ernsterer Vorwurf, als das, was Österreichs Heimatland-Verklärer zu suggerieren versuchen, wenn sie gebetsmühlenartig von „Schmähkultur“ faseln.
Haider taucht als „Jörgl H.“ übrigens gelegentlich im Romantext auf. Die Autorin springt zwischen Realität und Romanwelt, zwischen Konstruktions- und Textebene hin und her und verfährt verwirrend assoziativ. Sie streut lässig Zitate ein und platziert großzügig Verweise auf alle möglichen Diskurse und Ideologien. Brocken eines Steinbruchs aus Psychoanalyse, Christentum und Feminismus pflastern scharfkantig den Weg durch eine ungeordnete Welt. Einsam und ohne Halt oder Sinn stolpern die Figuren vorwärts. Die dominierende Erzählstimme, der der Leser ausgeliefert ist, wühlt in den Wunden des postmodernen Menschen und amputiert alles, an das man trotz Identitätsproblemen und Atheismus noch zu glauben wagt – wie Menschenwürde und Mitgefühl.
„Gier“ weckt Abscheu vor der Spezies Mensch, so dass man der Natur applaudieren möchte, wenn sie gegen den Menschen aufbegehrt. Als Lesetipps seien die Beschreibung des Baggersees (S. 161-165) und der Autounfall mit Hirsch empfohlen (S. 344-352). Was jedoch nach Zuklappen der Buchdeckel neben toter Seen und toter Seelen zurückbleibt, ist vor allem die Bewunderung für die virtuose Sprache Jelineks, die zu Recht mit dem höchsten Preis der Branche ausgezeichnet wurde. Mehr davon.
(Heike Kevenhörster)
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