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30.09.2005
Kaiser Chiefs im Interview
„Keine Zeit für Drogen und Groupies“
Kaiser Chiefs im Interview
Kaiser Chiefs im Interview
(Foto: Public Address)
Auch wenn sich ihr Name verdächtig nach einer anderen berühmten britischen Band anhört, behaupten die Kaiser Chiefs aus dem englischen Leeds, nichts mit ihren schottischen Kollegen von Franz Ferdinand gemein zu haben. Und dass, obwohl sich beide Bands etwa zur gleichen Zeit gründeten, nämlich im Sommer 2003.

Weitere Ähnlichkeiten: Auch die Schulfreunde aus Leeds spielten vor ihrem Durchbruch in einer anderen Band. Schlagzeuger und Songwriter Nick Hodgson, Bassist Simon Rix, Keyboarder Nick "Peanut" Baines, Gitarrist Andrew White und Frontmann Ricky Wilson suchten unter dem Namen Parva ihr musikalisches Glück. Erst als das Projekt wegen der Pleite ihrer Plattenfirma scheiterte, kam mit der Gründung der Kaiser Chiefs auch der ganz große Erfolg.

Flugs wurde neues Songmaterial geschrieben, das Kritiker bisweilen verdächtig an die Britpopper Blur erinnert. Das Album "Employment" fand viele Freunde in Großbritannien, den USA und Deutschland. Wo sonst, wenn nicht im altehrwürdigen Hamburger Kaiserkeller traf Unikosmos den Keyboarder der Kaiser Chiefs zum Interview. Sänger Ricky Wilson zeigte beim anschließenden Live-Konzert, dass ihn auch ein gebrochener Zeh nicht von einer schweißtreibenden Show abhalten kann.

Keyboarder Nick
Keyboarder Nick "Peanut" Baines
(Foto: Public Address)
Wusstes du, dass die Beatles hier direkt gegenüber im Star-Club gespielt haben?
Peanut: "Da haben die ja ihre Karriere begonnen. Hier ist man von einer Menge Musikgeschichte umgeben.“

Magst du die Beatles?
„Ja, aber auch viel Rock`n`Roll-Musik. Schnellere Sachen wie Little Richard hab ich viel gehört.“

Wo kommt eigentlich dein Spitzname her? Isst du so gerne Erdnüsse?
„Nein, die machen ja dick. Als ich zehn oder elf Jahre alt war, sollte ich ein Bild von mir in der Schule malen. Aber ich bin nicht so gut darin. Und mein Kopf sah wohl ein bisschen wie eine Erdnuss aus. Also haben alle 'Erdnuss-Kopf' gebrüllt."

Kinder können wirklich gemein sein…
„Ja das stimmt. Alle nennen mich seitdem Peanut. Aber das ist okay."

Wo kommt eigentlich der Name "Kaiser Chiefs“ her? Er soll etwas mit Fußball zu tun haben?
„Als wir mit der Band angefangen haben, hatten wir noch keinen Namen. Ein Freund hat dann den Namen im Zusammenhang mit einer südafrikanischen Fußballmannschaft in der Zeitung entdeckt. Wir haben gedacht, dass sich das gut anhören würde. Dann haben wir herausgefunden, das Lucas Radebe, der für Leeds United spielte, früher bei den Kaiser Chiefs unter Vertrag war. Der hat zehn Jahre bei Leeds gespielt und alle haben ihn nur den Chief genannt. Und da wir alle aus Leeds kommen und stolz auf unseren Club sind, war das der perfekte Name.“

Seid ihr alle Fußballfans?
„Oh ja. Aber leider kriegen wir seit dem Erfolg der Band nicht mehr viel mit, weil wir nur unterwegs sind. Aber das Team spielt diese Saison ganz gut. Die müssen unbedingt wieder in die Champions League.“

Stimmt es, dass im Stadion inzwischen eure Songs laufen?
„Letztes Jahr habe die sogar unsere erste Single gespielt. Dazu lief das Video auf der großen Leinwand. Wie wurden sogar zu einem Spiel eingeladen, bei dem unser Video in der Halbzeit lief. Das war irgendwie komisch.“

Besonders in Deutschland erinnert euer Name viele Leute an Franz Ferdinand…
„Natürlich. Aber das ist wirklich Zufall. Beide Bands haben sich ja 2003 etwa zur gleichen Zeit gegründet. Wir haben damals nie von denen gehört.“

Zu Anfang wolltet ihr unbedingt auf dem Leeds-Festival spielen. Hat euch euer Heimat-Festival musikalisch beeinflusst?
„Ich besuche das Festival seit 1995, wenn auch nicht jedes Jahr. Damals habe ich Blur zur Britpop-Hochzeit gesehen. Auch The Prodigy oder Marilyn Manson. Wenn man das Festival seit Jahren besucht, dann inspiriert einen das auch. Irgendwann haben wir dann selber da gespielt. Das war auch nicht einfach, denn es gibt Hunderte Bands in Leeds. Zuerst haben wir ja auch nur vor ein paar Hundert Leuten gespielt. Inzwischen sind das Tausende, wenn wir dort spielen. Das ist schon toll."

Ihr habt auch mit Live 8 Unmengen von Menschen erreicht. Wie war das, dort als Newcomer auf der Bühne zu stehen?
„Um ehrlich zu sein: Wie haben uns auf der großen Bühne nicht verloren gefühlt. Wir waren auch nicht nervös. Wir haben genug Selbstvertrauen in uns und unsere Songs. Wir machen ja auch mal Blödsinn auf der Bühne. Die Leute mögen das."

Wart ihr wirklich nicht nervös, mit Leuten wie Eminem und U2 auf einem Event zu spielen?
„Wir haben uns natürlich klein gefühlt im Vergleich mit den anderen Bands, die in Philadelphia gespielt haben. Da standen ja Stevie Wonder, Jay-Z und Destiny´s Child auf der Bühne. Das war schon cool. Aber noch mal: Wir sind ehrgeizig und voller Selbstvertrauen. Ich wüsste nicht, warum wir nicht mit den ganzen Top-Acts spielen sollten. Vielleicht gibt’s ja auch noch eine weiteres Live Aid.“

Hättet ihr nicht viel lieber bei dem Live-8-Konzert in London gespielt?
„Das wäre natürlich schön gewesen. Aber wir waren die einzige englische Band in Amerika. Da haben die Leute viel drüber gesprochen. Außerdem ging es bei Live 8 ja nicht so sehr um die Bands sondern um die Sache an sich. Und unsere Show wurde auf die großen Leinwände im Hyde Park übertragen. Das kam, glaube ich, ganz gut an.“

Wie entstehen bei euch die Songs? Wer schreibt die?
„Das macht Nick, unser Schlagzeuger. Das ist ein bisschen so wie bei Phil Collins. Der spielt auch Klavier und Schlagzeug. Er denkt sich zum Beispiel den Refrain aus und dann arrangieren wir den Song alle zusammen.“

Fans interessieren sich meistens besonders für den Sänger. Wie ist das bei euch?

„Ricky bekommt natürlich die meiste Aufmerksamkeit ab. Es ist natürlich lustig, dass er nicht die Songs schreibt. Aber er verfasst fast alle Text. Den Rest schreibt Nick. Natürlich wollen immer alle mit Ricky reden. Dabei kann er nicht mal ein Instrument spielen. Aber seine Bühnen-Show ist einfach toll. Da ist Nick ganz froh, dass er sich bei Auftritten hinter seinem Schlagzeug verstecken kann. Außerdem singt Nick auch viel und das ist für uns sehr wichtig. Dadurch haben wir einen viel dichteren Sound.“

Frontmann Ricky Wilson
Frontmann Ricky Wilson
(Foto: Public Address)
Entsteht in der Band keine Eifersucht, weil jemand, der kein Instrument spielen kann, so viel Aufmerksamkeit bekommt?
„Wir bekommen alle Aufmerksamkeit, denn wir sind alle interessante Typen. Wenn Ricky auf der Bühne seine Show macht, dann ist das etwas, was ich niemals machen könnte. So wie er rumspringt und die Leute anheizt, kann ich da nicht eifersüchtig sein. Es ist nur manchmal lustig, dass die Leute denken, er würde die Songs schreiben und die Band kontrollieren. Außerdem sind wir alle seit langer Zeit gute Freunde. Das hilft.“

Ich habe gelesen, dass die Mädchen alle auf dich stehen…
„Das sagt Ricky immer, weil er ein Freundin hat. Die soll denken, dass sich die Mädchen nur für mich interessieren. Er hat das in einigen Interviews gesagt und ich habe das später rausgefunden. Wir sind nicht so eine große Rock`n`Roll Band mit Drogen und Groupies. Einige Bands setzten darauf, aber deren Alben sind meist auch Schrott. Wir haben einfach zuviel mit Interviews zu tun, um uns um Mädchen und Drinks zu kümmern. Für Drogen und Groupies haben wir einfach keine Zeit.“

Offenbar will heute keine Band mehr den klassischen Rock`n`Roll-Livestyle leben…
„Die großen Rockbands wie Guns`n´Roses können das machen."

Kaiser Chiefs im Kaiserkeller
Kaiser Chiefs im Kaiserkeller
(Foto: Public Address)
Das war in den 80er und 90er Jahren...
„Heute muss man als Band wirklich hart arbeiten. Es gibt einfach Tausende Bands auf der Welt, die alle Aufmerksamkeit wollen. Früher waren die großen Bands groß und die kleinen klein. Das gab es nichts dazwischen. Mit dem Internet und MTV gibt es heute aber überall Musik. Da muss man immer dranbleiben.“

Warum gibt es im Augenblick gerade in England so viele neue Bands?
„Ich glaube, englische Bands haben alle einen bestimmten Sound, den die Leute mögen. Das hat mit den Beatles und den Stones oder The Who und den Kings angefangen. Die haben alle viele gute Alben gemacht. Und ich meine nicht nur ein tolles Album sondern zwei oder drei. Davon sind wir alle inspiriert. Das macht auch Bands wie Blur oder Supergrass aus. Die haben sich mit der Zeit entwickelt. Das wollen wir auch. Nicht nur ein Hit-Album machen und dann verschwinden.“

Ein Hit-Album habt ihr ja schon aufgenommen. Es war für den britischen Mercury-Preis favorisiert, den ihr dann aber nicht bekommen habt. Stattdessen ging der Preis an Antony And The Johnsons. Da sollt ihr ein wenig sauer gewesen sein?
„Da wurde wir in der Zeitung falsch zitiert. Wir habe nur einen Witz gemacht, weil Antony ja seit langer Zeit in New York lebt. Aber er hat einen britischen Pass. Und das ist in Ordnung, denn man muss ja Brite sein, um den Mercury-Award zu gewinnen. Natürlich wollten wir den Preis.Es ist eine Ehre, wenn man unter den besten zwölf Alben des letzten Jahres ist. Dass wir nicht gewonnen haben, war dann natürlich überraschend. Aber Antony And The Johnsons machen ganz andere Musik als die Kaiser Chiefs. Die haben auch ein gutes Album gemacht.“

Leidet ihr unter der britischen Klatsch-Presse?
„Ja, das ist manchmal anstrengend. Aber unsere Fans informieren sich auch über unsere Webseite. Da können wir Sachen immer richtig stellen.“

Wie sieht das mit dem berühmten schwierigen zweiten Album aus, das euch bevorsteht?
„Da haben wir keine Angst. Als Band haben wir fünf Jahre gebraucht, um da zu sein, wo wir jetzt sind. Wir haben uns in vielen Dingen verbessert. Wir sind bereit für ein zweites Album.“

Habt ihr mal über Cover-Songs nachgedacht?
„Wir haben für eine Wohltätigkeitsaktion 'Heard It Through The Grapevine' von Marvin Gaye gecovert. Das wurde erst vor Kurzem zum Download bereit gestellt. Es war das erste Cover, das wir aufgenommen haben. Es ist ein großer Disco-Song, zu dem gut getanzt werden kann. Das spielen wir vielleicht mal live.“

Im Vergleich mit den anderen Chiefs fällt auf, dass du besonders gut angezogen bist. Hast du einen Modefimmel?
„Kein Ahnung. Ich probiere eben, gut auszusehen. Wir gehen alle nicht zum Posen auf die Bühne, aber ich will dort schon gut aussehen. Mein Hut und das Hemd sehen einfach besser aus als nur Jeans und T-Shirt.“

(Jörg Römer)



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